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„Uns ist in alten Geschichten viel erzählt worden: von ruhmreichen Helden, von großer Arbeit, von Freuden, Festen, von Weinen und von Klagen, von kühner Recken Streiten, mögt ihr nun Wunder hören sagen.“ (Neuhochdeutsch)
Das Nibelungenlied ist eines der bekanntesten Heldenepen aller Zeiten und es gibt mehrere berühmte Opern und Verfilmungen. Aber worum handelt dieses? Aus welchem Jahr stammt es? Wer hat es geschrieben? Einige dieser Fragen möchte ich gerne in diesem Artikel beantworten.
Entstehung und Aufbau
Das Nibelungenlied wurde ca. 1200 von einem unbekannten Dichter geschrieben, aber ist dann im 16. Jahrhundert wieder in Vergessenheit geraten. Im Jahr 1755 wurde es dann wieder bekannter und im 20. und 21. Jahrhundert auch mehrmals verfilmt. Darüber hinaus gibt es auch noch Opern von Richard Wagner, die sich am Nibelungenlied orientieren. Das Nibelungenlied ist in insgesamt 29 Aventurien unterteilt, diese sind in zwei Teile aufgeteilt (Aventurien bedeutet Abenteuer). Der erste Teil handelt von Siegfried und seiner Brautfahrt, seinem Sieg über einen Drachen und seinen Tod. Der zweite Teil handelt von Kriemhilds Rache und dem Untergang der Nibelungen.
Die Verfilmungen
Es gibt verschiedene Verfilmungen des Nibelungenlieds, einige der berühmtesten sind diese:
- Die Nibelungen (1924)
- Die Nibelungen (1966)
- Die Nibelungen (2004)
- Hagen – Im Tal der Nibelungen (2024)
Die erste Verfilmung aus dem Jahr 1924 ist ein Stummfilm und die Verfilmung aus dem Jahr 2024 hat einen anderen Schwerpunkt als die restlichen Verfilmungen. Wie man sieht hat das Nibelungenlied also sehr viele verschiedene Facetten und Möglichkeiten.
Siegfried und sein Tod
Am Anfang des Nibelungenliedes tötet Siegfried einen Drachen und badet in seinem Blut, damit will er sich unverwundbar machen und hat so nur noch eine einzige schwache Stelle am Rücken. Nachdem er in dem Blut des Drachen gebadet hatte, besiegt er auch noch einen Zwerg und stielt den Nibelungenschatz von ihm. Nach einiger Zeit kommt Siegfried an den Hof von Worms und heiratet Kriemhild in einer Doppelhochzeit, in der auch Kriemhilds Bruder Gunther und die mächtige Kriegerin Brunhild heiraten. Schließlich wird Siegfried von Hagen, dem Ritter von Gunter, während der Jagd in seine schwache Stelle am Rücken gestochen. Hagen hat Siegfried getötet, um Gunthers und Brunhilds Ehre, die in einem Streit beschmutzt wurde, wiederherzustellen. Der Mord an Siegfried führt zu dem zweiten Teil des Nibelungenlieds:
Kriemhilds Rache
Um Siegfried zu hintergehen, hatte Hagen sich Kriemhilds Vertrauen erschlichen und ihre Informationen ausgenutzt. Nach dem Mord plant Kriemhild also Rache an Hagen und den Nibelungen, also dem Volk der Burgunden. Dafür heiratet sie den König des Hofes der Hunnen, der ein großes Vermögen besitzt und baut sich damit eine Gruppe von Menschen für ihre Rache auf. Für den finalen Akt der Rache läd sie alle Nibelungen zu einem Fest an den Hof der Hunnen ein, während diesem rächte sich Kriemhild. Letztendlich wird sie erstochen, nachdem sie Hagen als Rache getötet hatte. Somit hat das Lied also einen sehr tragischen Schluss. Am Ende sind alle Nibelungen tot.
Der Nibelungenschatz
Der Nibelungenschatz ist ein sagenhafter Goldschatz, der angeblich mit zwölf Leiterwagen abtransportiert werden musste (Leiterwagen sind traditionelle, meist hölzerne Wagen). In dem Nibelungenlied steht, dass Siegfried zuerst einen Drachen besiegte und in seinem Blut badete und danach einen Zwerg besiegte und den Nibelungenschatz von ihm stahl.
Nach Siegfrieds Tod hat Hagen den Nibelungenschatz von Siegfried gestohlen und im Rhein versenkt. Noch heute suchen manche Menschen im Rhein nach dem sagenhaften Nibelungenschatz. Dass Hagen den Schatz im Rhein versenkte, hat mehrere Gründe:
- Loyalität gegenüber seinem König (Gunther)
- Die Ehre der Burgunden nicht weiter zu beschmutzten
- Kriemhilds Rache aufhalten
Fazit
Es bleiben also viele Fragen unbeantwortet. Der Autor ist unbekannt, das Jahr bloß grob einzuschätzen und die geschichtlichen Hintergründe sind verworren und ungenau. Vielleicht ist aber dieses mystische Gefühl das, was so viele Menschen an dem Nibelungenlied fasziniert. Eine Person, die besonders von den Opern des Nibelungenliedes fasziniert ist, ist Herr Koopmann. Diesem habe ich abschließend noch einige Fragen gestellt.
magnus. Was gefällt ihnen besonders gut an Richard Wagners Musiktheater-Werk „Der Ring des Nibelungen“?
Herr Koopmann: „Auf den Nibelungen-Stoff stößt man im Germanistik-Studium zwangsläufig, wenn man sich mit der deutschen Literatur des Mittelalters und insbesondere mit dem mittelhochdeutschen Nibelungenlied beschäftigt. Ich habe das damals sehr gerne gelesen und habe es genutzt, um in den Semesterferien das Verstehen mittelhochdeutscher Texte zu üben.
Richard Wagner nutzt zwar für sein vierteiliges Opernwerk „Der Ring des Nibelungen“ den grundsätzlichen Handlungsrahmen des Nibelungen-Stoffes, orientiert sich aber nicht so sehr am Nibelungenlied, sondern an der älteren Überlieferung dieser Heldenerzählung in der altnordischen (skandinavischen) Literatur. Was Wagner daraus macht finde ich aus zwei Gründen besonders interessant und ansprechend:
1. Wagner verbindet diese alte Erzählung mit Ideen und Problemen aus seinem, also dem 19. Jahrhundert. Wir finden revolutionäre Ideen z.B. von Karl Marx in der Auseinandersetzung mit Kapitalismus und Industrialisierung wieder oder auch die Religionskritik Feuerbachs. Für einen Historiker ist das natürlich ein wahrer Tummelplatz des 19. Jahrhunderts. Letztlich geht es Wagner aber um die Frage, unter welchen gesellschaftlichen bzw. politischen Verhältnissen die Menschen frei und glücklich leben können, z. B. als Liebespaar wie Siegfried und Brünnhilde. Also eine Frage, die wir uns bis heute stellen.
2. Wagner hat die 16 Stunden Musik, die das Werk verteilt auf vier Abende dauert, mit einem zentralen Kompositionsmerkmal versehen: Es gibt bestimmte musikalische Motive, die mit bestimmten Charakteren, Ideen, Gegenständen oder Ereignissen verbunden sind, und immer ertönen, wenn diese in oder für die Handlung wichtig sind. Man nennt dies Leitmotive, wobei Wagner selbst den Begriff ‚Erinnerungsmotive‘ verwendet hat. Wir kennen das vielleicht aus der heutigen Filmmusik, die immer noch stark von Wagner beeinflusst ist: Ein bestimmtes musikalisches Thema steht für eine Filmfigur oder eine bestimmte Stimmung, die im Film gerade im Vordergrund steht. Das ist für Menschen, die musikalisch empfänglich sind, ungeheuer beeindruckend und ergreifend. Mir geht das jedenfalls so. Ich bin zwar im Blick auf das aktive Gestalten ziemlich unmusikalisch, aber Wagners Leitmotive und seine Musik überhaupt packen mich einfach tief in Seele und Fantasie.“
magnus. Haben sie selbst schon einmal eine dieser Opern besucht?
Herr Koopmann: „Ja, einzelne Teile habe ich bereits als Schüler bzw. Student gesehen. Den vollständigen ‚Ring des Nibelungen‘ habe ich dann einmal bei den Bayreuther Festspielen (2016) und zweimal in Oldenburg (zuletzt 2022) gesehen. Wobei: In Oldenburg habe ich damals den dritten Teil (‚Siegfried‘) dreimal gesehen, weil ich Frau Morhaus-Kamp und ihren LK Musik als zweite Lehrkraft mit in die Aufführung begleitet habe. Und das werden sicherlich nicht die letzten Aufführungen für mich gewesen sein.“
magnus. Haben sie eine liebste Szene oder Charakter?
Herr Koopmann: „Ja, zwei Szenen sogar. Zum einen der Anfang des ersten Teils (‚Das Rheingold‘). Hier entsteht aus einem Brummen der Kontrabässe im Orchester ganz langsam eine Musik, die einem sofort die Motive von Fließen und Entstehen verdeutlichen. So fängt die Erzählung an, mit dem Werden und Entstehen. Und dann fangen die Rheintöchter ein lustiges Spiel an. Das reißt einen gleich mitten in die Erzählung und ist einfach wunderbare Musik. Und hier lernt man gleich eines der wichtigen Stilmittel Wagners kennen: Den Stabreim, also das Spielen mit dem gleichen Anfangsbuchstaben. Das kennt ihr vielleicht aus der Gedichtanalyse als Alliteration. Die Rheintöchter singen fröhlich: ‚Weia! Waga! Woge, du Welle! Walle zur Wiege! Wagalaweia!‘
Und dann mag ich das Ende des dritten Teils (‚Siegfried‘). Hier liegen sich die beiden Liebenden, Siegfried und Brünnhilde, voller Glück in den Armen und die Musik ist geradezu euphorisch. Für einen Augenblick lässt einen Wagner – richtig gemein! – glauben und spüren, dass alles gut ausgehen könnte. Das tut es aber nicht, im letzten Teil werden beide durch eine List getrennt und Siegfried stirbt letztlich.“
magnus. Gibt es auch etwas, das ihnen nicht gefällt?
Herr Koopmann: „Musikalisch eigentlich kaum und auch die Geschichte ist bis zuletzt eigentlich spannend. Als ich jung war, musste ich mich in Wagners Musik zunächst hineinhören, da habe ich vieles noch nicht verstanden. Wenn mir nun aber bei den Aufführungen etwas nicht gefallen hat, dann lag das an den Inszenierungen. Wenn der Regisseur die Geschichte nicht gut durcherzählt, kann das Werk tatsächlich seine Längen haben. Das ging mir in Bayreuth bei der Inszenierung des zweiten Teils (‚Die Walküre‘) so. Dort wurde durch immer neue Regieeinfälle und Videoeinblendungen der Handlungsfluss ständig unterbrochen und dann hatte man das Gefühl, das ist einfach zu lang. Bei der Oldenburger Walküren-Inszenierung war es genau gegenteilig. Am Ende habe ich mich gefragt: ‚Wie schon vorbei?‘ Und dabei war das in Bayreuth mit Frank Castorf ein Starregisseur.“
